Gastbeitrag von Axel Fersen
In der Ukraine sollen erstmals vollautonome Drohnen eigenständig Menschen getötet
haben. Warum dieser Schritt unverzeihlich ist, warum er auf die Ebene von
Massenvernichtungswaffen gehört – und warum die Bundesregierung jetzt handeln
muss.
Am Anfang steht ein Acker. Zwei Brüder gehen hinaus, Kain und Abel, und der eine hebt
die Hand gegen den anderen. Gott fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain antwortet
mit dem Satz, der seither wie ein Schatten über der Menschheitsgeschichte liegt: „Soll
ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4,9). Es ist nicht nur die erste Ausrede eines
Mörders. Es ist die Geburtsurkunde der Verantwortungslosigkeit. Seit jenem Tag ist die
Geschichte der Gewalt auch eine Geschichte der Ausreden: Der Speer war nur ein
Werkzeug. Das Schwert nur Metall. Die Bombe nur ein Mittel. Der Befehl kam von oben.
Der Kollateralschaden war bedauerlich.
Nun steht die Menschheit an einer Schwelle, die tiefer reicht als jede neue Waffe zuvor.
Denn wenn ein autonomes System ohne menschliche Entscheidung tötet, hebt nicht
mehr Kain die Hand. Dann baut Kain eine Hand, programmiert ihren Zorn, schickt sie
fort – und wäscht sich die Hände, noch bevor Blut an ihnen kleben kann.
Genau dieser Schritt, so muss man seit dieser Woche fürchten, ist bereits getan.
Was geschehen sein soll
Nach einem Bericht des New Scientist, den deutschsprachige Medien breit aufgreifen,
hat eine ukrainische Einheit vor rund zwei Jahren im Raum Bachmut und Tschassiw Jar
zehn KI-gesteuerte Quadkopter eingesetzt, intern „Terminator“ genannt. Die Drohnen
flogen demnach drei bis fünf Kilometer in Richtung Front, schalteten dort in einen
autonomen Angriffsmodus und suchten, wählten und töteten ihre Ziele selbst. Keine
Funkverbindung, kein Videobild, keine Abbruchmöglichkeit. Erst Aufklärungsdrohnen
fanden später das Ergebnis: mehrere tote russische Soldaten, einen zerstörten
Lastwagen. Der Drohnenunternehmer Alexander Kokhanovskyy, der die Technik lieferte,
schilderte den Einsatz vor wenigen Tagen bei einem Presseauftritt in der ukrainischen
Botschaft in London mit einem Satz von entwaffnender Kälte: „Alles, was sie sahen,
wurde getötet.“
Journalistische Redlichkeit verlangt den Hinweis: Unabhängig verifiziert ist der Vorfall
nicht. Es gibt keine Aufzeichnung, Kokhanovskyy war nicht vor Ort, das ukrainische
Verteidigungsministerium lässt Anfragen unbeantwortet. Schon 2021 hatte ein UN-
Bericht über Libyen den Verdacht autonomer Angriffe dokumentiert, bestätigte Opfer gab
es nie. Die Schwelle ist also möglicherweise überschritten – der Beweis liegt im Nebel
des Krieges. Doch genau das macht den Fall so gefährlich: Der erste autonome Mord
der Militärgeschichte beginnt nicht mit einem Geständnis vor Gericht, sondern mit einer
beiläufigen Erzählung auf einem Presseempfang. Und niemand dementiert. Mehr noch:
Die Ukraine verbietet bislang selbst den Einsatz von KI in der letzten Phase der
Zielbekämpfung – doch laut Kokhanovskyy verhandelt Kyjiw mit der Rüstungsindustrie
bereits über eine Lockerung dieser Regel. Was als einmaliger „Test“ deklariert wird, liegt
als Verfahren längst auf dem Tisch.
Warum wenige Tote alles ändern
Man könnte einwenden: ein paar tote Soldaten, ein Lastwagen – in einem Krieg, der
Hunderttausende verschlungen hat und in dem Drohnen ohnehin längst die tödlichste
Waffe sind. Nach Schätzungen des Council on Foreign Relations gehen bis zu 80
Prozent der Gefallenen in der sogenannten Kill Zone direkt oder indirekt auf ihr Konto.
Gemessen daran wirkt dieser eine Vorfall beinahe undramatisch. Genau diese
Undramatik ist die Täuschung.
Hiroshima war nicht deshalb der Zivilisationsbruch, weil dort mehr Menschen starben als
anderswo. Die Brandnacht von Tokio im März 1945 forderte mehr Tote als der Atomblitz
an seinem ersten Tag. Hiroshima und Nagasaki waren der Bruch, weil eine neue
Kategorie des Tötens in die Welt kam, die sich nie wieder aus ihr herausnehmen ließ –
und weil Menschen skrupellos genug waren, sie am lebenden Objekt zu erproben, im
vollen Wissen, dass jeder weitere Einsatz fortan nur noch eine Frage der Entscheidung
sein würde, nicht mehr der Möglichkeit.
Nichts anderes geschieht hier. Das Unverzeihliche liegt nicht in der Zahl der Opfer
dieses einen Einsatzes. Es liegt in der Skrupellosigkeit, den Schritt überhaupt zu gehen
– denn dieser Schritt ist, einmal getan, unendlich wiederholbar. Wer die Entscheidung
über Leben und Tod ein einziges Mal an eine Maschine abtritt, hat sie millionenfach
abgetreten: Software kennt keinen Einzelfall, nur Wiederholung. Eine FPV-Drohne
kostet wenige Hundert Euro, ein KI-Modul wenig mehr, die Ukraine allein produziert
Millionen Drohnen pro Jahr, Russland zieht nach. Was gestern zehn Quadkopter waren,
sind morgen zehntausend – und übermorgen Schwärme, die niemand mehr zurückruft,
weil niemand mehr mit ihnen verbunden ist. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Sie
wurde nicht aufgestoßen von einem Verzweifelten in höchster Not. Sie wurde
aufgeschlossen, getestet und anschließend auf einem Empfang vorgestellt.
Der Mord der KI
Solange ein Mensch den letzten Befehl gab, blieb im Töten ein Rest moralischer
Gegenwart. Einer sah. Einer entschied. Einer konnte zögern, einer konnte sich weigern,
einer konnte erkennen: Dort läuft kein Feind, dort läuft ein Kind. Autonome Waffen
schneiden diesen letzten Faden durch. Sie sehen keine Menschen, sie verarbeiten
Signale: Wärmebilder, Bewegungsmuster, Silhouetten. Körper werden zu Datenpunkten,
Flucht wird zu Verhalten, Leben wird zu Klassifikation. Dann fällt die Entscheidung –
nicht im Gewissen eines Menschen, sondern in einer Rechenoperation, deren innere
Logik oft nicht einmal ihre Erbauer vollständig erklären können.
Die Oxford-Ethikerin Mariarosaria Taddeo bringt es gegenüber dem New Scientist auf
den Punkt: Das Töten durch KI sei zutiefst verwerflich, weil es den Getöteten die Würde
und den Angreifern die Verantwortung nehme. Wenn der Algorithmus den Zivilisten mit
dem Soldaten verwechselt – wer haftet? Der Programmierer beruft sich auf die Daten,
der Kommandeur auf das System, der Hersteller auf den Auftrag, der Staat auf die
Notwendigkeit. Übrig bleibt das Perfekteste, was die Geschichte der Ausreden je
hervorgebracht hat: der Mord ohne Mörder. Kain muss die Frage Gottes nicht mehr mit
einer Lüge beantworten. Er muss sie gar nicht mehr hören.
Deshalb ist die Einordnung keine Übertreibung, sondern Präzision: Waffensysteme, die
eigenständig über Leben und Tod entscheiden, gehören in dieselbe Kategorie wie
atomare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen – Waffen, deren
Wirkung sich menschlicher Kontrolle und menschlichem Maß entzieht und die deshalb
als Ganzes geächtet werden müssen, nicht bloß reguliert. UN-Generalsekretär António
Guterres nennt sie seit Jahren „politisch inakzeptabel und moralisch abstoßend“; das
autonome Anvisieren von Menschen durch Maschinen sei eine moralische Linie, die
niemals überschritten werden dürfe. Eben diese Linie ist nun, wenn der Bericht zutrifft,
überschritten worden. Der Einsatz solcher Systeme muss völkerrechtlich als
Kriegsverbrechen kodifiziert und geahndet werden – im moralischen Urteil der
Geschichte wird er ohnehin dort stehen, wo Hiroshima und Nagasaki stehen. Und wer
solche Systeme losschickt, ihren Einsatz anordnet oder ihn duldet, gehört vor ein
internationales Gericht. Dass der Buchstabe des Rechts dieser Tat noch hinterherhinkt,
ist kein Freispruch. Es ist der eigentliche Skandal.
Sechs Monate vor Mitternacht
Denn untätig war die Welt nicht aus Unwissenheit, sondern aus Kalkül. Seit Oktober
2023 fordern der UN-Generalsekretär und die Präsidentin des Internationalen Komitees
vom Roten Kreuz gemeinsam, bis Ende 2026 ein rechtsverbindliches Verbot autonomer
Waffensysteme abzuschließen. Im Dezember 2025 stimmten 164 Staaten in der UN-
Generalversammlung für die jüngste Resolution zu autonomen Waffen – dagegen
votierten sechs, darunter Russland, die USA und Israel. Die Genfer Expertengruppe soll
bis zur Überprüfungskonferenz der UN-Waffenkonvention Ende 2026 die Elemente
eines Abkommens vorlegen. Sechs Monate bleiben bis zu jener Frist, die sich die
Menschheit selbst gesetzt hat. Und was meldet die Welt sechs Monate vorher? Keinen
Vertrag. Den ersten Vollzug.
Russland, das diesen Krieg begonnen hat und selbst mit Hochdruck an autonomen
Systemen arbeitet, stimmt gegen jede verbindliche Regel – die Kritik an Kyjiw entlastet
Moskau um keinen Millimeter. Aber gerade wer der Ukraine ihr Recht auf Verteidigung
zugesteht, muss die Grenze benennen, an der Verteidigung in Zivilisationsbruch
umschlägt. Ein Land, das erklärt, für die regelbasierte Ordnung zu kämpfen, darf nicht
das erste sein, das die älteste Regel des Tötens bricht: dass am Ende ein Mensch
entscheidet und ein Mensch verantwortet.
Und Berlin? Die Koalitionsverträge von 2018 und 2021 versprachen noch, autonome
Waffensysteme, die der Verfügung des Menschen entzogen sind, abzulehnen und
weltweit zu ächten. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD von 2025 ist davon
kein Wort mehr übrig – stattdessen die Ankündigung, Künstliche Intelligenz und
unbemannte Systeme verstärkt in die Streitkräfte einzuführen. Die Bundesregierung
trägt damit Mitverantwortung für ein Klima, in dem der Tabubruch zur Randnotiz wird.
Eine offizielle Verurteilung des Vorfalls? Bislang nicht zu vernehmen. Dabei wäre jetzt
dreierlei zwingend. Erstens: Die Bundesregierung muss diesen Tabubruch öffentlich und
unmissverständlich verurteilen – gegenüber Gegnern wie gegenüber Partnern, denn
Freundschaft entbindet nicht von Wahrheit. Zweitens: Deutschland muss sich an die
Spitze derer setzen, die vor Ablauf der Frist Ende 2026 ein sofortiges, völkerrechtlich
verbindliches Verbot autonom tötender Waffensysteme durchsetzen wollen – so, wie es
einst bei Landminen und Streumunition gelang. Drittens: Diese Systeme sind förmlich
auf die Ebene von Massenvernichtungswaffen zu stellen, ihr Einsatz ist als
Kriegsverbrechen zu verfolgen.
Der Anfang – oder die Umkehr
Die Apokalypse beginnt nicht mit Feuer vom Himmel. Sie beginnt mit der Sprache der
Normalisierung: „System erfolgreich getestet.“ „Ziel neutralisiert.“ „Menschliche Kontrolle
nicht erforderlich.“ So klingt das Ende nicht wie Donner. Es klingt wie ein Protokoll.
Und irgendwann fragt kein Gott mehr: Wo ist dein Bruder? Weil niemand mehr weiß,
welcher Algorithmus ihn getötet hat. Der Untergang der Menschheit muss nicht
aussehen wie ein großer Knall. Er kann aussehen wie eine Kette rationaler
Entscheidungen, wie ein Beschaffungsvorgang, wie ein Softwareupdate, wie ein Test
unter realen Bedingungen, dessen Ergebnis später jemand auf einem Empfang erzählt.
Am Anfang stand ein Acker. Am Ende könnte ein Himmel stehen, verdunkelt von
Schwärmen. Deshalb muss benannt werden, was hier begonnen hat, klar und ohne
diplomatische Watte: Die Nutzung Künstlicher Intelligenz zur Ermordung von Menschen
ist der Beginn der Selbstvernichtung der Menschheit. Wer Maschinen auf Menschen
hetzt, hat diesen Anfang gemacht. Wer es zulässt, macht sich mitschuldig. Noch ist Zeit
zur Umkehr – aber sie wird nicht von selbst kommen. Sie muss erkämpft werden, in den
nächsten sechs Monaten, von allen, die nicht wollen, dass die Frage Kains eines Tages
niemandem mehr gestellt werden kann.
Quellen
New Scientist (Juni 2026): Fully autonomous drones have killed human soldiers for the
first time – https://www.newscientist.com/article/2529849-fully-autonomous-drones-have-
killed-human-soldiers-for-the-first-time/
watson (Juni 2026): Ukraine – Russische Soldaten von autonomen KI-Drohnen getötet –
https://www.watson.ch/international/russland/655323348-ukraine-russische-soldaten-
von-autonomen-ki-drohnen-getoetet
Trending Topics (Juni 2026): Autonome Drohnen haben russische Soldaten in der
Ukraine getötet – https://www.trendingtopics.eu/autonome-drohnen-haben-russische-
soldaten-in-der-ukraine-getoetet/
UNODA: Lethal Autonomous Weapon Systems – Position des UN-Generalsekretärs
(Verbot bis 2026) – https://disarmament.unoda.org/en/our-work/emerging-
challenges/lethal-autonomous-weapon-systems
UN-Generalversammlung (Dezember 2025): Abstimmung zur Resolution „Lethal
Autonomous Weapons Systems“ – https://press.un.org/en/2025/ga12736.doc.htm
UN-Sicherheitsrat, Panel of Experts on Libya (2021): Bericht S/2021/229 (Kargu-2) –
https://undocs.org/S/2021/229
Killer Roboter stoppen / Facing Finance (2025): Abkehr von Verantwortung – zum
Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD – https://www.killer-roboter-
stoppen.de/2025/05/cdu-csu-und-spd-haben-mit-ihrem-koalitionsvertrag-verantwortung-
fuer-deutschland-nicht-nur-den-klimaschutz-vernachlaessigt-sondern-auch-eine-abkehr-
von-ruestungskontroll-politischen/
fluter / Bundeszentrale für politische Bildung (2026): Drohnenkrieg in der Ukraine (CFR-
Schätzung zur Kill Zone) – https://www.fluter.de/drohnenkrieg-ukraine
Zum Autor: Axel Fersen ist Politikwissenschaftler und Experte für digitale
Transformation und künstliche Intelligenz. Nach dem Studium an der Johannes-
Gutenberg-Universität Mainz führte ihn sein Weg in die Technologiebranche. Heute lebt
und arbeitet er in Barcelona. Politisch ist er seit 1984 in der SPD engagiert und Mitglied
der katalanischen Schwesterpartei PSC. Er koordiniert den Erhard-Eppler-Kreis, gehört
dessen Leitungskreis an, ist Vorstandsmitglied des Europa-Instituts für Sozial- und
Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wirkt in der
Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher
Wissenschaftler (VDW) mit.