Zwischen Klimakollaps, wachsendem Ressourcenverbrauch und den Grenzen des »grünen Kapitalismus« gerät die wachs-tumsabhängige Ökonomie zunehmend unter Druck. Kann Degrowth eine realistische Antwort auf die globalen ökonomischen und ökologischen Krisen sein?
von Ulrich Brand / aus dem iz3w-Dossier • Juli / August 2029
• Die Debatte um Degrowth bzw. Postwachstumsökonomie existiert zwar seit den 1970er Jahren, nahm jedoch nach der Wirtschaftskrise 2008 wieder an Fahrt auf. Im Licht der Politisierung der ökologischen Krise lautete die herrschende Antwort »grünes Wachstum« oder »grüne Ökonomie«. Daran gab es schon früh Kritik, denn der grüne Kapitalismus ist mit vielen Ausschlüssen verbunden:
Er ist klassenbasiert im Norden, patriarchal und rassistisch; neokolonial im Nord-Süd-Verhältnis und er wird die Klimakrise nicht effektiv bearbeiten. Dennoch hatten in den 2010er Jahren die Kräfte des »grünen« Wachstums durchaus Rückenwind. Deutlich wurde das an zunehmenden Investitionen in erneuerbare Energien, die einen gewissen Legitimationsdruck auf das fossile Kapital ausübten.
Die Bewegung für Klimagerechtigkeit und der European Green Deal der EU-Kommission ab Ende 2019 bestärkten dies weiter.
Imperiale Lebensweise als Hindernis
• Markus Wissen und ich haben nicht zufällig in der Krise von 2008 angefangen, den Begriff »imperiale Lebensweise« auszuarbeiten. Die Frage war: Warum wird das in der Krise mobilisierte öffentliche Geld zur Stabilisierung der Wirtschaft nicht für den notwendigen sozial-ökologischen und international einigermaßen gerechten Umbau genutzt, obwohl die Probleme klar sind? Es hat nicht nur etwas mit Profiten, Kapitalinteressen, staatlichen Politiken und den entsprechenden Machtverhältnissen zu tun - sondern auch mit dem Arbeits- und Lebensalltag von Menschen. Das Imperiale (nicht das Imperialistische) der herrschenden Produktions-und Lebensweise ist das, was auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die Umwelt »andernorts« ausgreift. Menschen verwenden im Konsum wie im Arbeitsalltag Güter, die im Kapitalismus als Waren für Profite hergestellt werden - beim Essen, bei Mobilität und Kommunikation, als Kleidung, bei der Lohnarbeit, aber auch bei der Reproduktionsarbeit.
Diese Waren sind in der Regel unter ökologisch und sozial schlechten Bedingungen produziert worden. Denken wir an Süd-China und die dortige Handyproduktion, an die Sojaproduktion in Brasilien; aber auch an die Tönnies-Fabriken und die dort unter katastrophalen Bedingungen stattfindende Fleischproduktion. Die Akzeptanz des Kapitalismus in der Gesellschaft hat auch etwas damit zu tun, dass es sich im Alltag der Menschen irgendwie leben lässt, und oftmals gar nicht schlecht. Die imperiale Lebensweise ist in gewisser Weise eine Erweiterung von Handlungsspielraum. Wer das entsprechende Einkommen hat, kann vermehrt auf die Produkte des kapitalistischen (Welt-)Markts zugreifen. Wir betonen aber auch:
Die imperiale Lebensweise hat viel mit dem Zwang, mitmachen zu müssen zu tun, was aber oft nicht so empfunden wird.
Die imperiale Lebensweise ist auch grundlegender Bestandteil des kolonialen Kapitalismus. Und doch gab es in den 2010er Jahren verhaltene Versuche einer ökologischen Modernisierung des Kapitalismus. Das hat sich inzwischen vollständig geändert: Die fossilen Kräfte sind im Aufwind, die Klimabewegung schwach, das Thema selbst steht trotz zunehmender Auswirkungen des Klimawandels nicht ganz oben auf der politischen Agenda. In vielen Ländern gewinnen Parteien Wahlen mit einer explizit anti-ökologischen Agenda. Auf der Ebene der Lebensweise gibt es wenig Bewusstsein, vor allem bei den Wohlhabenden - etwa waren 2023 laut Internationaler Energieagentur 48 Prozent der globalen Auto-Neuzulassungen SUVs oder größer. Und angesichts der dramatischen Wirtschaftskrise können wir in Deutschland aktuell eher von herrschaftlichem Degrowth by desaster sprechen. Oder einem bereits stattfindenden Kollaps.
System unter Druck
• In unserem letzten Buch sprechen Markus Wissen und ich von »Kapitalismus am Limit«. Wir argumentieren nicht, dass der Kapitalismus in naher Zukunft zusammenbricht, sondern dass es durch die Vertiefung der Klimakrise zu drei neuen Entwicklungen kommt, die das System, wie wir es kennen, ans Limit bringen. Zum einen waren die dominanten wirtschaftlichen und politischen Kräfte historisch immer wieder in der Lage, dass sich der Kapitalismus erneuert und wieder ein dynamisches Wachstums- und Akkumulationsmodell wird. Doch unser Argument ist nun, dass es aufgrund der aktuellen Krise nicht mehr zu einer wirtschaftlich dynamischen und mehr oder weniger stabilen Konstellation kommt. Das zweite Limit besteht darin, dass für den Globalen Norden
Change by desaster
wird auf dem Rücken der
Schwächsten ausgetragen
eine Selbstverständlichkeit verloren geht, welche die imperiale Lebensweise kennzeichnet: die Externalisierung von sozial und ökologisch negativen Voraussetzungen und Folgen sowie die Manifestation katastrophaler Bedingungen »andernorts« - oft im Globalen Süden. Aber die Externalisierung ist in vielen Bereichen immer weniger möglich. Der Klimawandel beendet die Möglichkeit, fossile Energieträger politisch folgenlos zu verbrennen. Das wird zum Konfliktfeld. Auch Länder des Globalen Südens, allen voran China, wollen durch die dortige Ausbreitung der imperialen Lebensweise ebenfalls externalisieren und an die billigen Rohstoffe in anderen Regionen kommen.
Drittens nehmen die Reparaturkosten für die Auswirkungen der Klimakrise dramatisch zu. Es müssen also enorme Ressourcen aufgebracht werden, um den vorherigen Zustand wiederherzustellen.
Das bringt keinen neuen Wohlstand, sondern im besten Fall wird es wie vorher. Das Versprechen des Kapitalismus von Fortschritt und steigendem Wohlstand - zumindest für viele - gerät damit an eine Grenze. Diese drei Limits bringen uns in eine bislang unbekannte Situation und das wird im Begriff Kollaps angezeigt: Versorgungssysteme wie Landwirtschaft und Ernährung, Verkehrsinfrastrukturen oder etablierte Lieferketten brechen teilweise zusammen.
Um sie wiederherzustellen, bedarf es immer mehr wirtschaftlicher Ressourcen, die woanders fehlen.
Solidarisch leben
• Es gibt keinen Masterplan aus der sozial-ökologischen Krisendynamik heraus, sondern sehr viele Ansatzpunkte der Politisierung von Problemen, Krisen oder Machtverhältnissen. Unser Ansatz der »Solidarischen Lebensweise« ist gespeist von der Perspektive eines »radikalen Reformismus« oder - in den Worten von Rosa Luxemburg -»revolutionärer Realpolitik«. Die Kämpfe für bessere Lebensbedingungen für die Vielen, gegen die Vermögenden und Mächtigen sowie gegen die Klimakrise müssen in einen Horizont grundlegender Veränderungen gestellt werden. In Zeiten autoritärer Tendenzen plädieren wir für eine Demokratisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse: Wer trifft die Investitionsentscheidungen mit Folgen für 40, 50 Jahre? Wer verfügt über Vermögen und Eigentum an Produktionsmitteln? Wir setzen an Protesten gegen die Förderung der Braunkohle in Lützerath oder an der "Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen" in Berlin an, aber auch an vielen kleineren und wenig sichtbaren Praktiken. Denn ein weitreichender ökologischer Umbau muss die innergesellschaftliche und globale Ungleichheit angehen. Da sind wir bei Stichworten wie »solidarische Begrenzungen«, »solidarische Resilienz« oder Reparationen für historisches Unrecht. Und am Ende entwickeln wir die Idee von »transformativen Zellen«, dass es neben transformativen sozialen Bewegungen, Politiken und Unternehmen auch in den Organisationen selbst progressiver Gruppen bedarf, die wirklich was anderes wollen.
Ein wesentliches Element einer solidarischen Lebensweise ist die strategische Perspektive von Degrowth bzw. Postwachstum. Denn es geht bei den sozial-ökologischen Transformationen um eine kaum vorstellbare Eingriffstiefe in existierende gesellschaftliche Machverhältnisse, Vermögen und Strukturen. Auch Eingriffe in Handlungsmuster und Vorstellungswelten dessen, was ein gutes Leben bedeutet, das nicht auf Kosten anderer und der Natur gelebt wird - aber auch unter den entsprechenden Rahmenbedingungen gelebt werden kann. Um ein Missverständnis auszuräumen: Postwachstum als analytische Perspektive
und als Strategie bedeutet nicht, sich an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen zu erfreuen, etwa den Rückgang des BIP per se zu begrüßen. Denn ein ungeplantes change by desaster, das zeigen unzählige historische Erfahrungen und die aktuellen Austeritätspolitiken der schwarz-roten Koalition, wird meist auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. Demgegenüber sucht Postwachstum nach Einsatzpunkten eines change by design - eines strategischen, natürlich konfliktiven und oft experimentellen Prozesses. Es braucht also ein anderes Verständnis von individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand.
Wachstum neu denken
• Wachstum neu zu denken, beinhaltet nicht nur eine Kritik an der jährlichen Zunahme von in Geld gemessenen Gütern und Dienstleistungen des Bruttosozialprodukts, sondern am Akkumulationszwang des Kapitals. Damit wird die Eskalationslogik kapitalistischer Gesellschaften und des industriell-fossilistischen Kapitalismus mit ihren produktiven Anteilen, aber eben auch Verwerfungen, thematisiert. Auch Lohnabhängige sind Teil dieser tendenziell expansiven und krisenhaften Konstellation. Dem Kapital geht es bei seinem Interesse an Vermehrung zuvorderst um Kontrolle und Ausbeutung von Arbeitskraft und Natur. Die sozialen Kämpfe der Lohnabhängigen fokussieren die Ausgestaltung des Kapitalverhältnisses dahingehend, dass sie ihre Lebensbedingungen verbessern - weit weniger geht es um dessen Infragestellung. Kapitalistisches Wachstum und soziale Herrschaft sind also zwei Seiten einer Medaille.
Zudem zeigen viele Beiträge zur Postwachstums-Debatte, dass »Wachstum« keine neutrale Kategorie ist, die nur eine zunehmende Wirtschaftsleistung beschreibt. Vielmehr handelt es sich um eine tief verankerte Vorstellung der kapitalistischen Moderne, die ausgehend vom Globalen Norden auf die ganze Welt übertragen wurde. »Mehr« oder »größer« zu produzieren, zu konsumieren, zu haben, scheint attraktiver als "anders" oder gar »weniger«. Die Vorstellung, dass alles
Postwachstum sucht nach change by design
effizienter und produktiver werden muss, wird durch die Postwachstums-Perspektive hinterfragt. Außerdem wird in einer Postwachstums-Gesellschaft wahrscheinlich mehr als weniger gearbeitet. Entscheidend ist dabei, für was und unter welchen Bedingungen. Eine Grundeinsicht der Postwachstums-Perspektive lautet: Die Zunahme von Effizienz und Produktivität in der Produktion sowie bei der Nutzung bio-physischer Inputs ist nicht per se gut, sondern ambivalent. Die Zunahme an Effizienz und Produktivität unter Wachstumsbedingungen bedeuten auch Stress und Arbeitsverdichtung sowie zunehmenden Ressourcenverbrauch. Das häufig formulierte Ziel einer »Entkopplung« von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch findet »relativ« durchaus statt - aber weltweit nicht absolut im Sinne einer Entkopplung des monetär gemessenen Wirtschaftswachstums von Emissionen und Ressourcenverbrauch.
Die Fixierung auf Wachstum, Produktivität und Effizienz blendet zudem die Prinzipien Konsistenz und Suffizienz aus. Konsistenz bedeutet eine Vereinbarkeit der gesellschaftlichen Techniksysteme mit natürlichen Reproduktionskreisläufen. In Anlehnung an Ivan Illich und jüngst in den Arbeiten von Andrea Vetter wird in der Postwachstums-Debatte der Begriff der »konvivialen Technik« verwendet. Ein gutes Zusammenleben bedarf einer demokratischen Technikentwicklung. Eine Suffizienzperspektive bedeutet nicht nur, sich individuell und kollektiv zu fragen, "was genug ist", sondern die Frage zu politisieren, warum eine Gesellschaft nie genug haben kann. Daraus leitet sich ein Verständnis von Suffizienz ab, das berücksichtigt, dass viele Menschen auch in wohlhabenden Gesellschaften prekär leben. Degrowth braucht also eine Förderung und gesellschaftliche Verankerung post-kapitalistischer Vorstellungen. Ein instruktives Beispiel ist die im letzten Jahr publizierte "Vision 2048" des Leipziger Konzeptwerks Neue Ökonomie.
Weiterhin widersetzen sich Postwachstums-Strategien den neoklassisch-neoliberalen grünen Modernisierungsstrategien. Es müssen aber auch grün-keynesianische Wachstumsstrategien kritisiert werden, die soziale und Verteilungsaspekte berücksichtigen und »grüne« Jobs schaffen wollen. Ein Beispiel dafür wäre, lediglich den Verbrennungsmotor von Fahrzeugen durch Elektromotoren ersetzen zu wollen. Postwachstums-Strategien argumentieren, dass es einer viel weitreichenderen Wirtschafts- und Industriepolitik bedarf. Umbau und Rückbau sollten demokratisch und unter Einbezug der Beschäftigten erfolgen. Hier treffen sich Postwachstums-Perspektiven mit gewerkschaftlichen Perspektiven auf Wirtschaftsdemokratie.
Außerdem wird - zumindest in Teilen der Postwachstums-Debatte - die globale Dimension des Wirtschaftswachstums in einem Land wie Deutschland hinterfragt. Doch meist werden die tief verankerten Bedingungen eines (ökologisch) ungleichen Tausches, die mit der imperialen Produktions- und Lebensweise einhergehen, in progressiven Analysen und Strategiedebatten ausgeblendet. Die eingangs beschriebenen Krisendimensionen führen zu dem, was wir im Buch von 2024 als »öko-imperiale Spannungen« bezeichnen.
Indem der Zugriff des Metropolen-Kapitalismus auf ein »Außen« schwieriger und umkämpfter wird, nehmen Spannungen zu: bei Rohstoffen, bei Emissionsrechten oder aufgrund der Infragestellung westlicher Vorherrschaft. Damit steigt auch die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen. Man könnte sagen, dass sich das russische Regime und seine Basis nicht nur eine fossile Weltwirtschaft erhalten möchten - siehe BRICS-Staaten, die weitgehend fossile Großmächte sind - sondern sie möchten sich durch einen Krieg auch ein »Außen« einverleiben.
Globaler Rückbau
• Eine globale Degrowth-Perspektive ist eine Herausforderung, die in den kommenden Jahren politisch und analytisch verstärkt bearbeitet werden muss. Insbesondere das unter globalen kapitalistischen Bedingungen tief verankerte Prinzip der internationalen Wettbewerbsfähigkeit müsste hinterfragt und verändert werden. Und ein globales Wirtschaftssystem wäre zu verändern, welches Hunderte Millionen Menschen zu schändlichen Löhnen in Weltmarktfabriken oder auf die Felder einer globalisierten Landwirtschaft zieht und ihnen individuell kaum Alternativen lässt. Besonders für den Globalen Süden ist eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs im Norden essenziell, um sich aus ressourcen-extraktivistischen Wirtschaftsmodellen zu befreien. Extraktivismus zementiert ungleiche Klassenverhältnisse sowie patriarchale und rassifizierte Arbeitsteilung. Letztlich benötigen aber auch die Gesellschaften des Globalen Südens eine Form von Degrowth im Sinne einer Überwindung des kapitalistischen Wachstumszwangs, um echte Souveränität zu erlangen.
• Ulrich Brand ist Politikwissenschaftler und Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Er beschäftigt sich, oft in Zusammenarbeit mit Markus Wissen, mit der Krise der liberalen Globalisierung, imperialer Lebensweise, sozial-ökologischer Transformation und globaler Ungerechtigkeit.